1. 08/2026 Nair war selbst schon zu Gast auf zwei Weltreisen durch Küchen und für sie stand schnell fest, dass sie selbst auch mal eine Kochreise anbieten möchte. Sie wusste auch bereits ganz genau, dass sie viele Reisende einladen und mit ihnen im Sommer im Garten unter ihrem Kirschbaum, wie mit einer großen Familie an einer langen Tafel, brasilianisch essen wollen würde. Ein klares Bild vor Augen ist so wunderbar!

Genauso schnell war auch das Menü geplant: ein ganz typisches traditionelles Familienessen und dazu verschiedene, süße Desserts, die man auch zu ganz besonderen Anlässen in Brasilien anbietet: Mandioca (Pommes aus der Maniokwurzel), Vinagrete (Salat), Arroz (Reis), Feijoada (ein Bohnengericht), Farofa (Streusel aus Maniokmehl), Bolo de Fubá (ein Kokos-Maismehl-Kuchen), Brigadeiros (Rumkugeln ohne Rum) und Cajú (kleine Süßigkeiten aus Cashewnüssen).

So reisten wir 14 Kochbegeisterten mit Messer und Schneidebrett „im Koffer“ an und wurden bereits herzlichst mit angenehmer Musik, brasilianischen Flaggen, Fußballtrikots und Fähnchen empfangen. Selbst die Ohrringe waren brasilianisch! Und eine Landkarte wehte an der Wäscheleine. Wir waren sofort in Nairs Welt angekommen!

Wie auf jeder Kochreise lernen wir unsere Gastgeber zunächst etwas kennen. So berichtete Nair von ihrer Geburtsstadt São Paulo mit über 20 Millionen Einwohnern und den vielen Einflüssen der ganzen Welt, was sich von anderen Regionen Brasiliens unterscheidet, die rein europäisch, oder aber afro-brasilianisch oder auch indigen geprägt sind.

Wir erfuhren von Nairs Elternhaus, dem Vater, einem syrisch-libanesischen Geflüchteten und der brasilianischen Mutter, die die Familie verließ. Von einem deutsch-österreichischen Paar, Freunde des Vaters, die Nair mit vier Jahren mitnahmen und dass sie von ihrem Bruder getrennt wurde. Von aufrichtiger Liebe der Pflegeeltern und doch des Andersseins durch Haufarbe und Sprache und den zu großen Veränderungen.

Von arabischen Süßigkeiten des Vaters, an die sie sich noch erinnern kann. Nair sprach von einer Generation, die nicht fragte und keine Antwort gab.

Sie erzählte uns von ihrer großen Liebe des Lebens, die sie in einem deutsch-jugoslawischen Mann fand und mit dem sie nicht nur wieder nach Brasilien auswanderte, sondern auch drei wunderbare Kinder bekam.

Nach dem Verlust des Mannes kam Nair zurück nach Deutschland. Seit dem Tod des Sohnes rücken Nair und ihre beiden Töchter Carin und Cladis noch enger zusammen und beide halfen Nair an diesem aufregenden Tag der Weltreise durch Küchen.

In verschiedenen Gruppen entstanden ruckzuck draußen unter dem Kirschbaum, auf der Terrasse und in der Küche alle Gerichte für unser Menü.

Das gemeinsame Essen an der langen Tafel unter dem Kirschbaum war einmalig schön, bunt und voller Gespräche und Genuss.

Und als die Bohnen dann genau so authentisch brasilianisch schmeckten wie in Brasilien, waren alle noch glücklicher als vorher, denn unsere Brasilien-erfahrenen Reisenden erinnerten sich sofort über den Geschmack auf der Zunge.

Am Ende der Reise zeigte uns Nair noch Familienfotos, die sie hütet wie ihren größten Schatz. Das älteste Bild stammte von 1925.

Wir durften mit Nair eine fast 84jährige Frau kennenlernen, die uns mitnahm in ihr ganzes Leben. Wenn jeder Riss, Schmerz und Verlust in ihrem Herzen mit Gold geklebt worden wäre, hätte Nair ein Herz aus Gold! Mich persönlich erinnerten Nairs sanfte Augen an die Augen meiner Oma, was mich bis jetzt sehr berührt.

Nair ließ uns teilhaben an ihrer Lebensfreude und Begeisterung für das Leben. Am Ende wollte niemand so recht nach Hause reisen.

Danke für das Gefühl, so willkommen gewesen zu sein, liebe Nair! Das Essen war köstlich!!

(Text: Ina Bewermeier)